(An diese Stelle der Geschichte, die zu diesem Zeitpunkt genau genommen noch gar nicht existiert – zumindest nicht hier – , gehört eigentlich ein Bild der modernen Malerin J. M. – aufgrund anderer Aufträge und Arbeiten dieser vielbeschäftigten Künstlerin wird das Bild allerdings hier erst später „ausgestellt“. Oder so.)
Das Folgende ist eine Geschichte, ein Fragment, eine Parabel. Weder fiktiv, noch real. Vielmehr beides gleichzeitig. Die Autorin nimmt sich das Recht (oder die Unverschämtheit – wie auch immer du es sehen magst, lieber Leser) heraus, alles dem Surrealismus in die Schuhe zu schieben. (Und wer sie für hoffnunglos bescheuert hält, dem sei auch dies gestattet.)
Eine Brücke, die sich im Meer verliert. Junge, Mädchen. Die alte Leier, das alte Lied, das alte Leid.
Erst ein Brief, dann zwei, ein Stück Papier, vielleicht vom anderen Ende der Welt. Hinter sich: eine lange Reise. Ein Bild, auf dem die Farbe eines Wochentages festgehalten wurde. Und ein bisschen mehr. Ein bisschen? Er. Viel mehr. Aber das weiß noch niemand. Und irgendwo in der Zukunft, im nächsten Sommer – und hier kommen wir der Realität dann doch schmerzhaft und besorgniserregend nahe – , ein kleiner Vogel aus Stoff. Vielleicht aber auch nicht. Es hat noch niemand entschieden.
Das Mädchen, das einmal Fräulein Sternenbetrachter heißen wird, befindet sich noch im freien Fall. Der Junge, der einmal Herr Månsken heißen wird, ist bereits gelandet. Das Aufeinander-Treffen passiert an einem Tag, der kalt und grau ist und nach Winter schmeckt – aber beide wissen noch nicht, dass es diesmal keinen Winter geben wird. Der ist zu besagter Zeit auf Reisen. Der Er wird es auch bald sein. Aber man will ja nicht vorgreifen! Es folgen Staunen, Verwunderung. Manchmal Fassungslosigkeit. Oft Faszination. Buchstaben, Buchstaben, Buchstaben. Wörter. Sätze. Gespräche. Ansichten. Feststellungen. Und immer wieder die Brücke am Meer. Ein trauriges Lächeln in einem schönen Gesicht, das ein bisschen verschwommen wirkt, unscharf, als ob man durch ein Fernglas, das man nicht richtig eingestellt hat, blicken würde. Milchglas. Und ein noch nicht ganz so trauriges Lächeln in einem etwas deutlicher erkennbaren Gesicht. Ein großer Jemand und ein etwas kleinerer. Ein Jemand, dessen Herz krank vor Fernweh ist, neben einem Jemand, dessen Herz noch an Fernweh erkranken wird. Jemand mit Volljährigkeits-Blues. Jemand, der ihn noch haben wird. Zwei Jemande, die eigentlich Niemande sind.
Der Er erzählt. Von der Brücke. Von einem Wunsch. Die Sie hört zu. Eine absurde Idee wird in die noch viel absurdere Tat umgesetzt. Für die Sie, ein einmaliger Sieg über die Angst, über Bestimmungen, Regeln, Richtig und Falsch, die Sinn-Essenz. Der Tag zusammen am Meer wird der schönste und traurigste Tag zugleich. Der schönste, weil zwei Niemande plötzlich Jemande sind und die Welt es gut mit ihnen meint. Der traurigste, weil es der einzige sein wird.
Herr Månsken wird krank, kommt damit nicht zurecht und flieht vor den Geistern. Fräulein Sternenbetrachter kann ihn nicht begleiten und verirrt sich im Halbdunkel ihres Kopfkinos. Das Scheitern klopft an. Es taucht nicht plötzlich auf, war immer spürbar präsent. Auf dem Löffel. Auf der Brücke. In den Augen. Es ist nicht so, als hatten sie es nicht gewusst. Sie wussten es von Anfang an.
Der Er kam vielleicht aus den Wolken zurück und ist im Heute erwachsen und steht über seinen Träumen. Vielleicht aber auch nicht. Die Sie starb in einem unschönen Sommer auf eigenen Wunsch, nachdem sie ihrer Erbin den Teil ihres Wesens übergeben hatte, der noch intakt geblieben war. Was übrig bleibt ist klein, flauschig, rot und braun und fiept. Ein Rotkehlchen. Ein kleiner verwirrter Niemand.